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Missionsgemeinde Berlin-Marzahn SELK

  Geschichten aus Marzahn - Was bei uns passiert...

Geschichte 5: “Und? Was macht ihr so?"

“Und? Wie geht´s der Gemeinde so in Marzahn? Was macht ihr so?”, so werde ich immer mal wieder gefragt. Ich freue mich dann immer. Denn es ist ja sehr schön, wenn sich Leute für unsere Arbeit in Marzahn und für unsere Gemeinde interessieren. Mir fällt es nur immer sehr schwer, eine hübsche Antwort zu geben. Wenn ich auf die Frage, wie es denn gehe, antworte: “Mal so, mal so.”, ist das zwar irgendwie richtig, aber auch äußerst unbefriedigend.

Darum will ich in diesem Monat mal in aller Ruhe auf die Frage antworten: “Und? Wie geht´s der Gemeinde so in Marzahn? Was macht ihr so?”

Das machen wir: Am letzten Sonnabend hatte ich einen Riesenspaß. Ich stand mit Gerhard auf der Besucherterrasse des Flughafens in Tegel. Wir schauten auf ein riesiges Flugzeug, in das eben Karen Heimsoth nach fünf Jahren der Mitarbeit auch in unserer Gemeinde eingestiegen war. Uns war etwas wehmütig und traurig zumute. Aber es war auch alles sehr interessant anzuschauen: Dutzende Leute wuselten über das Vorfeld, Tankautos rasten um das Gebäude, kleine VW-Transporter, schwarz-gelbe Follow-me-Autos, kleine Wägelchen mit Koffern kurvten an die Flugzeuge heran. Silbrig glänzende Container wurden auf Hebebühnen geschoben... Das Flugzeug von Karen war pünktlich abgefertigt. Aber es startete nicht: zehn Minuten, zwanzig Minuten über der Zeit. Die Piloten guckten aus dem Fenster. Der Fahrer des Schleppfahrzeuges las Zeitung. Die Frachtmänner standen an der offenen Gepäckluke und schwatzten. Es ging nicht los! Was fehlte? Plötzlich kam ein Mann mit einer leuchtend orangenen Weste quer über das Vorfeld gerannt. Hinter sich zog er einen kleinen Wagen, auf den ein Katzenkäfig geschnallt war. Den Käfig kannte ich: Darin saß nämlich Kacy, Karens fetter Kater. Der Käfig wurde in den Bauch des Flugzeugs geschafft, die Klappe geschlossen und die Triebwerke angelassen. Fünf Minuten später war das Flugzeug mit Karen und dem Kater in der Luft. Wir fuhren heim, und ich schrieb nachmittags meine Predigt und den Gottesdienstzettel für Sonntag, bereitete den Konfirmandenunterricht vor und übte Orgel.

Am Mittwochabend saßen wir beim Bibeltreff zu acht um den Tisch im Gemeinderaum und sangen - genauso wie an jedem Mittwoch - zuerst mal ein schönes Lied aus dem Gesangbuch. Dann sprach ich ein kurzes Gebet. Anschließend wurde schwarzer und roter Tee verteilt: Tassen und Löffel wurden herumgegeben, der Zucker hoch- und heruntergereicht. Die Bibeln wurden aufgeschlagen, und ich las die Geschichte vom Ende Johannes des Täufers vor. Es gab darüber ein schönes Gespräch - so wie ich es eigentlich immer schön finde: Warum ist es so schwer, seinen Glauben in der eigenen Verwandtschaft oder unter Bekannten und Kollegen weiterzusagen? Wovor haben wir eigentlich Angst? Welche Hilfe gibt Gott uns? Was sollen wir weitersagen: die frohe Botschaft oder das Gesetz? Was hat Herodes alles falsch gemacht? Dient er uns nur als schlechtes Beispiel, wie man als Christ nicht leben soll? Sind Politiker alle so wie Herodes? Fühlen wir uns als Christen nicht auch von vielen Seiten unter Druck gesetzt und entscheiden oft so, wie es die Mehrheit will, aber nicht so, wie Gott es will? Was macht uns Mut, Jesus und nicht der Masse nachzufolgen?

Dann ging es weiter mit der Geschichte von der Speisung der 5000: Wir fanden uns alle in der Situation der Jünger wieder. Die dachten sehr praktisch: Vor der Abendbrotszeit wollten sie die Menschenmassen ins nächste Dorf zum Essenfassen schicken. Aber Jesus forderte die Jünger auf, den Menschen zu helfen. Das wollten die Jünger gerne tun. Aber sie hatten selbst so wenig, daß sie gar nicht erst anfingen, sondern verzagt aufgaben. Jesus machte aus dem bißchen Essen, was die Jünger hatten, so viel, daß es für alle reichte. Da nickten dann alle am Tisch: So ist es bei uns auch. Wir schauen eigentlich immer auf unsere eigenen beschränkten Möglichkeiten. Aber Gottes Tun kommt uns immer erst sehr spät in den Blick. Hilft uns Gott auch heute, wenn wir in materieller Not sind? Wie hilft er? Warum haben wir so oft den Eindruck, wir sollten lieber mal nicht mit Gott rechnen?

Dann war die Zeit um. Pünktlich um 20.30 Uhr war Schluß mit unserm Hören auf Gottes Wort. Es war wie immer: konzentriert, nachdenklich, manchmal lustig und heiter... Wr beteten noch gemeinsam das Vaterunser, ein paar Leute wuschen die Tassen ab und plauderten dabei über Kochrezepte, die Weltpolitik und die Notwendigkeit des Geschirrabtrocknens unter Berücksichtigung des Geschlechtes (“Bei Männern trocknet Geschirr von alleine!”). Die Heizungen wurden abgedreht. Alle Lampen ausgeknipst und die Haustür abgeschlossen. 

“Und? Wie geht´s der Gemeinde so in Marzahn? Was macht ihr so?” - Wir treffen uns mittwochs zum Bibellesen.

Am Mittwochmorgen kurz nach neun fuhr ich - so wie immer - zu Frau F. Zum ersten mal seit Monaten war ich nicht zwei bis sechs Minuten zu spät, sondern acht Minuten zu früh. Frau F. und A., ihr zweijähriger Sohn, warteten schon vor der Haustür. Beide stiegen ein und wir fuhren nach Treptow zu Frau G. Nachdem ich meine Schuhe ausgezogen hatte, wog ich mich erst einmal auf der Waage, die im Wohnzimmer steht. Das mache ich immer so. (Warum eigentlich?) Wir plauderten ein bißchen über Bücherkataloge, merkwürdige Nachbarn und andere wesentliche Dinge des Lebens bis die anderen kamen. Als sich sieben Leute auf der Couch und auf dem Boden verteilt hatten, sprach ich wieder ein kurzes Eingangsgebet und dann schauten wir uns eine Verfilmung des Lukasevangeliums an.

Sonst lesen wir immer verschiedene Bibeltexte über Kindererziehung, über die Kirche oder das Beten. Frau F. dolmetscht meistens ein bißchen für Frau G., weil ich immer ein bißchen zu schnell und verwickelt Deutsch rede. Ab und zu lernen wir auch ein bißchen auswendig - zum Beispiel die zehn Gebote.

Diesmal aber saßen wir still vorm Fernseher und schauten zu, wie Jesus als zwölfjähriger Junge im Tempel mit den Schriftgelehrten diskutierte. Wir sahen wie Jesus das Brot und die Fische vermehrte, wie ein Blinder geheilt wurde...

Schrecklich war die Kreuzigungsszene als Jesus ans Kreuz genagelt, als er abgenommen und ins Grab gelegt wurde. Da mußte mancher etwas durch die Nase schniefen. Aber bald kam Ostern. Und die Gesichter hellten sich auf.

Die beiden Kinder saßen fast die ganze Zeit auf dem Wohnzimmertisch und lutschten Lollis oder malten mit Tusche.

*

Beim nächsten Mal werden wir uns über den Film und über Jesus unterhalten. - “Und? Wie geht´s der Gemeinde so in Marzahn? Was macht ihr so?” - Wir treffen uns Mittwochvormittag bei Frau G. zum Bibellesen und Bibelfilmgucken. Und dann rief unser Vermieter aus dem Bezirksamt an. Es läge eine Beschwerde vor: Wir würden das Haus, in dem unsere Kirche ist, von außen lila anstreichen. Nach einem längeren Telefonat hatte ich die erboste Nachbarin und unsern aufgehetzten Vermieter wieder beruhigt. Wir wollten vor der Synode nur die weiße Wand frisch weißen. - Und dann schrieb das Finanzamt, daß die Gemeinnützigkeit unserer Gemeinde - entgegen dem früher erteilten Bescheid - nur vorläufig sei. Ich faxte zurück und widersprach. - Der neue Siegelentwurf mußte noch zur Kirchenleitung. - Wir brauchten noch einen Eimer Fassadenfarbe, den ich schnell aus dem Baumarkt holte. - Der vereinbarte Termin für das Anstreichen mußte verschoben werden, weil es plötzlich zu kalt wurde. - Herr Gnauk schickte mir ein paar Informationen über einen Zuschuß für unsern Umbau im Jahr 2000, über den noch ein Bericht fehlt. - Die Kirchenfahnen für die Kirchenbezirkssynode sind verschwunden. Auch mit einem knappen Dutzend Telefonate sind sie nicht aufzutreiben. - Jessica putzte alle Fenster im Haus: superschnell und supersauber. Waoh! - Der Kopierer gab den Geist auf. Unser netter Reparaturmann kam aber gleich am nächsten Morgen. - Ich hatte wie in jedem Monat vergessen, die Daten für den Berliner Pfarrbrief an Pastor Rost zu faxen. - Im Irak bricht ein Krieg aus. - Die Papierkörbe müssen rausgebracht werden. - Wir müssen noch Spaghetti und Tomatensoße für die Konfirmanden am Sonntag besorgen. Was trinken wir? - Um acht wollte ich Frau K. anrufen, um die Lieder für Sonntag durchzugeben. Der Computer war abgestürzt: zum ersten Mal seit ich ihn habe. Erst um zehn Uhr läuft er wieder. Frau K. ist inzwischen nicht mehr zu Hause. Muß ich nachher noch mal versuchen. - Es klingelte: Ein junger Mann stand vor der Tür und brachte Bücher von seiner Großmutter für die Gemeindebibliothek. Nein, er wolle keinen Kaffee. - Wer putzt eigentlich diese Woche die Kirche? O, wir sind dran. Fast vergessen! - Die Umschläge für den Aprilgemeindebrief müssen noch ausgedruckt werden, damit Frau S. sie morgen abstempeln kann.

“Und? Wie geht´s der Gemeinde so in Marzahn? Was macht ihr so?” - Wir machen auch alle Verwaltungs- und Hausmeisterarbeiten (so gut wir können).