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Geschichte 4: Nachfolge
Er war fast zwei lange Jahre arbeitslos: „Niemand will mich mehr! Keiner braucht mich! Ich bin zu alt!“, sagte er und wirkte ziemlich
fertig. Er konnte arbeiten. Das wußte ich. Denn als wir unsere Kirche ausbauten, war er jeden Tag da, riß Linoleum heraus, malerte tagelang, schleppte schwere Fliesenpakete in den ersten Stock, fegte, hämmerte und
grub im Garten um. „Isch lieben Arbeit!“, verkündete er mir einmal stolz und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sein Deutsch war halt nicht perfekt. Er war schließlich in Kasachstan geboren. Dafür
ist sein Kasachisch makellos. Er konnte nicht nur arbeiten, sondern er wollte auch arbeiten: Er lag nicht - wie so viele - auf der faulen Haut, kassierte nicht nur sein Geld vom Staat. Nein, er lief auf Baustellen, bewarb sich, ging hierhin und dorthin, fragte, suchte und machte. Wir beteten sonntags, daß er nun endlich Arbeit finden möge. Nichts! Monat um Monat verging.Da fand er plötzlich eine Stelle in einer Reinigungsfirma. Er wurde für drei Monate auf Probe angestellt und alles schien gut. Die Leute in der Gemeinde, seine Familie - alle freuten sich mit ihm. Er war stolz und arbeitete wie wild - bis die Probezeit vorbei war. Da entließen sie ihn wieder. Sein Deutsch war halt nicht perfekt. Ich telefonierte mit seinem Chef, bat und bettelte. Aber es half nichts. Das Loch, in das er nun fiel, war noch tiefer als jemals zuvor. „Niemand will mich mehr! Keiner braucht mich! Ich bin zu alt!“
Er ist 43 Jahre alt. Wieder ging Monat um Monat ins Land. Sonntags war er meistens im Gottesdienst, saß in unserer Kirche, sang und betete mit. Ich legte in der Beichte die Zehn Gebote aus. Und irgendwann kam
ich ans siebente: „Du sollst nicht stehlen.“ - „Was bedeutet das für uns heute - nicht stehlen?“ - fragte ich. Ich zählte verschiedene Dinge auf: „. . . und Gott will nicht, daß ihr
schwarzfahrt und auch nicht, daß ihr schwarz arbeitet. Damit bestehlt ihr die BVG und die Rentenkasse und die Krankenversicherung und die Arbeitslosenversicherung. Schwarzarbeit ist nich´! Das will Gott nicht.“ Er
nickte und fand ein paar Tage später einen neuen Job. Wieder freuten sich alle. Wieder war er stolz und glücklich. Ich traf ihn ein paar Wochen später und fragte fröhlich: „Na, alles klar? Und wie geht´s auf
Arbeit?“ Er guckte böse: „Isch nix Arbeit mehr! Isch gegangen!“ Ich verstand nicht: „Sie haben gekündigt? Warum denn das? Was paßte ihnen denn nicht?“Er wurde ärgerlich: „Weil
Chef mir geben Geld auf Hand. Er lügen. Erst er sagt: Alles legal, du kriegen Arbeitsvertrag. Aber nun isch bekomme Geld auf Hand! War Schwarzarbeit.“ Ich verstand immer noch nicht: „Und warum
haben sie nicht weiter schwarz gearbeitet?“ Er erklärte mir resolut:: „Ich nix schwarz arbeite! Niemals!“ Ich war mit abgrundtiefer Dummheit geschlagen und bohrte nach: „Aber warum nicht?
Warum arbeiten sie nicht schwarz? Das machen doch fast alle.“Er zog die Augenbrauen hoch: „Gott nicht will Schwarzarbeit. Is´ Sünde: Schwarzarbeit. Du hast gesagt in Kirche: Schwarzarbeit ist Stehlen.
Steht in Bibel. Schwarzarbeit ist zappzerapp, ist Stehlen. Ich nicht stehle. Ich mache nix Schwarzarbeit! Weil . . .“ Er hob seinen Zeigefinger, machte eine kleine Pause,lächelte leise und endete: „Ich
nix Schwarzarbeit! Weil: Ich bin Christ! Isch lieben Jesus!“ + Einige Tage später blätterte ich zur Vorbereitung auf die Bibelstunde im Matthäusevangelium und fand eine bekannte Stelle, die erinnerte
mich an ihn: Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird´s verlieren; wer
aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird´s finden. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? (Mt. 16, 24-26) Er war Jesus
nachgefolgt, hatte Jesu Kreuz auf sich genommen und um Jesu willen einen schönen Teil seines Leben verloren. Aber er hatte das wirkliche Leben in Gott gefunden.
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