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Geschichte 3: Ja, jibt´s denn das? - Jesus!
„Meine Beene sin´ ja nu´schon im Himmel!“, sagte Frau Zimmer bei meinem letzten Besuch in ihrem Hochhaus. „Ihre Beene sind schon im
Himmel?“, fragte ich verständnislos: „Wie meinen sie denn das?“ - Sie verzog ihr Gesicht vor Schmerzen, rutsche ein wenig in ihrem Rollstuhl herum, atmete einmal tief aus und grinste dann breit: „Na, die
ha´m die doch schon vor Jahren amputiert. Und die sind jetzt im Himmel, die Beene. Bald komme ich janz hinterher. Ick jlob, ick werd´ wohl nie wieder gesund.“ - Wir saßen ein wenig beieinander und rätselten,
wie das sein würde. „Auf jeden Fall werden wir dann miteinander ein Tänzchen wagen, Frau Zimmer. Wenn ich ihren Beinen und ihnen später mal in den Himmel nachfolge, werden wir beide tanzen“, schlug ich vor.
„Logisch.“, erwiderte sie. Wir schauten beide auf ihre zwei kurzen Beinstümpfe. Schließlich meinte sie: „Den Rollstuhl lass´ ick hier, und dann bin icke mit meenen Beenen wiedervereinigt. Dann tanz´n wir, Herr
Pastor!“ Ich war etwas skeptisch: „Aber wenn ich ihnen dabei auf die Füße trete, knallen sie mir bitte nicht gleich eine. Ich kann nämlich nicht so gut tanzen.“ - Sie war gütig zu mir: „Nee, nee, keene
Angst, ick verzeihe ihnen schon jetzt.“ Sie machte wieder ein Pause, verzog das geischt und stöhnte leise, weil die Schmerzen wieder stärker wurden. „Was wird ihr Mann sagen . . .“, fragte ich, „ . . .
wenn sie im Himmel mit einem fremden Pastor tanzen?“ - Sie lächelte: „Ja, den werd´ ick dann auch wiedersehen. - Ach, er wird schon nüscht dajejen haben.“ - Ich nickte: „Gut! Aber bevor sie jetzt in den
Himmel gehen, wollen wir noch ein letztes Mal Abendmahl zusammen feiern.“ Frau Zimmer war von dieser Idee gar nicht begeistert: „Muß das sein?“ - Ich antwortete: „Nein, nein, das muß nicht sein.
Wenn sie nicht wollen, dann lassen wir es. Ich dachte nur es wäre gut, vor einer großeren Wanderung noch einmal ordentlich was zu essen, damit sie genug Kraft haben für den Weg in den Himmel - Himmelsbrot als
Proviant auf dem letzten Stück Weg in den Himmel.“ Ich hatte sie mit diesem Hinweis umgestimmt: „Jut. Wir machen das. Packen´se ma´aus, Pastor.“ Wir feierten dann ein letztes Mal zusammen
Abendmahl: Die Kerzen gaben ein weiches Licht. Der Aschenbecher stank wie immer. Die Morphiumpackung lag neben dem Kelch. Wenn ihre Schmerzen zu stark wurden, machte ich eine Pause. Wir beteten miteinander und aßen
dann von dem einen Brot und dem tranken aus dem einen Kelch. Irgendjemand warf draußen mit lautem Knall Marmeladengläser in den Glascontainer. Das eingeschweißte Essen von fünf Tagen war auf dem Sessel gestapelt.
Bevor ich ging, brachte ich Frau Zimmer ins Bett. Sie hatte fürchterliche Schmerzen. Bevor ich die Tür ins Schloß zog, rief ich quer über den Flur: „Auf Wiedersehen, Frau Zimmer!“ - Am nächsten Tag wurde ich
ein bißchen krank, so daß auch ich im Bett bleiben mußte. Eine Woche später kam der Anruf, Frau Zimmer sei am Tag vor Himmelfahrt im Krankenhaus gestorben. Am letzten Freitag saßen wir dann zu fünft in der
Trauerhalle auf dem Marzahner Parkfriedhof - fünf Gemeindeglieder, weil es keine Familie mehr gab. Es war eine wirklich schöne Beerdigung. Wir haben Osterlieder gesungen, haben auf Gottes Wort gehört und für Frau
Zimmer und für uns gebetet. Und wir haben wohl alle ein wenig an ihre große Berliner Schnauze, ihre Zigaretten und ihr Lächeln gedacht. Als wir vom Grab zum Auto zurückgingen, quakten die Frösche direkt neben
uns ohenbetäubend im Friedhofsteich. Ein Regionalzug rauschte dröhnend vorbei. Ich stellte mir vor, wie Christus am Jüngsten Tag den Hauptweg des Marzahner Hauptfiredhofs herunterkäme, um auch Margot Zimmer aus dem
Todesschlaf aufzuwecken: „Mädchen, ich sage dir, steh auf.“, wird er sicher in ihr Grab hinein rufen. Und sicher wird sie sich dann erstaunt die Augen reiben und im tiefsten Berliner Dialekt sagen: „Ja, jibt´s
denn das? - Jesus! - Prima, Mensch! Hilf mir ma´ hoch!“ Und sicher muß Jesus dann übers ganze Gesicht lächeln, wenn er sein Mädchen Margot Zimmer zu sich nimmt . . .
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