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  Geschichten aus Marzahn - Was bei uns passiert...

Das Alter - Last und Lust - eine geistliche Betrachtung


Heute werden viele Menschen alt: Die Medizin ist besser als früher. Die Lebensverhältnisse in Deutschland sind gut. Viele Menschen werden 80 oder 90 Jahre alt. Das ist sehr schön so, aber auch oft schwierig. Jeder von uns kennt alte Menschen, die schwer tragen unter der Last ihres Alters. Viele Alte sind schwach oder krank. Viele Alte sind einsam oder überfordert: Autofahren geht nicht mehr. Die Tasten auf dem Telefon machen Mühe. Die  Wörter fallen einem nicht mehr ein. Es dauert dreißig Minuten eine Jacke überzuziehen. Freunde und Verwandte um einen herum sterben. Viele Alte brauchen viel Hilfe, sind bettlägerig, obwohl sie doch früher ganz selbständig waren. Mancher muß seine Wohnung aufgeben und hat Angst vor einem Pflegeheim. Mancher fällt andauern hin und liegt mit Schmerzen gedemütigt am Boden. Das Briefeschreiben fällt schwer. Man kann nicht mehr sonntags zum Gottesdienst gehen. Die Stimme wird brüchig und das Singen fällt schwer. - Das Alter kann eine schwere Last sein. Es ist sehr gut, daß Menschen heute länger leben als früher, aber oft ist das Alter mühsam, erfordert viel Geduld und Kraft.

Ich hoffe, ihr alle werdet lange leben und einmal sehr alt werden. Jeder von uns kennt einen alten, gebrechlichen Menschen. Jeder wird einmal alte Eltern, Onkel und Tanten haben. - Darum wollen wir  Trost suchen für das Alter - für unser eigenes und vor allem für den Umgang mit anderen Alten und Kranken, für die wir sorgen, an deren Betten wir stehen, die uns oft ratlos machen, wo wir oft bedrückt und genervt fortgehen.

Wert und Würde
Nehmen wir mal an, ein Fabrikdirektor möchte Werbung machen. Seine Fabrik stellt Parfüm und Duschbad her. Wen wird er für die Werbeplakate wählen: eine freundliche, grauhaarige 87jährige oder eine blonde, knackige  19jährige? - Nehmen wir mal an, eine Firma braucht einen Maurer. Wird sie einen erfahrenen, älteren Vorruheständler einstellen oder einen jungen Mann, der gerade von der Armee kommt? - Nehmen wir mal an eine Gemeinde will einen Pastor berufen. Wird sie lieber einen bewährten 59-jährigen oder lieber einen jungen Pfarrvikar mit drei kleinen Kindern berufen?

Ganz klar - sehr viele würden sich für die Jungen entscheiden, gegen die Alten. - Warum ist das so? Ganz einfach. Es gibt eine Ideologie in der Werbung, in der Wirtschaft, auch in der Kirche: Jung ist gut. Alt ist schlecht. Jung ist wertvoll und erstrebenswert. Alt ist weniger wertvoll und möglichst zu meiden.

Und das ist falsch, total falsch. Die Welt fragt nach Jugend: Wer viele Kinder in der Gemeinde hat, gilt als toller Pastor. Wer viele Jugendliche im Sportverein hat, gilt als Supertrainer. Wer junge Leute in seiner Werbung platziert, gilt als modern, aufgeschlossen und spannend. So ist das heute. Und so ist es falsch, total falsch.

Gott hat andere Maßstäbe. Gott fragt nicht: Bist du jung? Dann bist du gut. Bist du alt? Dann hast du schlechtere Karten. Gott ruft jeden Menschen zu sich. Für ihn ist jeder Mensch wertvoll. Für ihn ist jeder Sünder so wichtig, daß er für ihn gestorben ist. Der Wert eines Menschen in der Welt liegt oft am Alter. Der Wert bei Gott ist unabhängig von Krankheiten, von kaputten Wirbelsäulen, von Falten, Müdigkeit und Alter. Gott bewertet einen Menschen nicht nach Pflegestufe, nach Hilfsbedürftigkeit, nach Medikamentenverbrauch und Inkontinenz. Gott schaut das Herz an. Christus ist für alle gestorben. Er ruft alle zu sich. Und er freut sich ganz besonders über die, die ihm zuhören, die mit ihm gehen, die sich ihm öffnen. Gott macht wertvoll - Junge und Alt.

Alte Menschen in der Welt da draußen gelten oft wenig - bei Gott gelten sie viel mehr - Gott macht sie reich und wichtig und wertvoll.


Erfahrung und Weisheit
Warum? Gott ermahnt die ganze Bibel hindurch die Menschen: Hört auf die Alten! Habt Respekt vor ihnen! Kümmert euch um die Älteren! Sorgt gut für sie! Seid stolz auf die Senioren, die es bei euch gibt! - Von den Geboten an über die Weisheitsbücher bis zu den neutestamentlichen Ermahnungen ist das ganz eindeutig: Achtet eure Alten!

Warum? Ganz einfach: Weil sie Erfahrung haben. Alte Menschen haben schon etwas durchgemacht. Sie haben Dinge erlebt, von denen wir Jungen keine Ahnung haben.

Auch in unserer Gemeinde gibt es alte Leute, die mal Liebeskummer hatten, die heute noch genau wissen, was man da am Besten tut. Auch in unserer Gemeinde gibt es Leute, die früher keine Arbeit gefunden haben, die wissen, wie schlecht man sich fühlt. Auch in unserer Gemeinde gibt es Alte, die lange Jahre krank waren, die weitersagen können, wie man das im Glauben durchsteht.

Als Pastor sitze ich öfter mal als andere 36-Jährige bei mir wildfremden alten Menschen auf dem Sofa. Und ich staune! Was die alles wissen, was die erlebt haben, was die verstehen, was die durchlitten haben, was für wertvolle Erfahrungen die haben! 90% von dem, was ich als Pastor kann und weiß, weiß ich von Leuten, die älter als 70 Jahre sind. Ich habe das nicht aus Büchern, nicht von Jungen. Ich lerne von Alten. Manchmal sitze ich drei Stunden auf einer Couch und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus: "Wie haben sie das gemacht, mit 80 Mark im Monat zu überleben?

Wie hat Gott sie getröstet, als ihre Schule sie rausgeworfen hat? Was haben sie gedacht, als ihr Vater sie zur Kirche geprügelt hat? Wie haben sie das geschafft 50 Jahre mit der gleichen Frau glücklich verheiratet zu sein? Was machen sie, wenn sie traurig sind?" - Und die Alten erklären mir das alles, erzählen und plaudern, erinnern sich, ringen nach Worten, daß es eine wahre Freude ist.

Und wenn ich dann frage: "Ihre Enkel können ihre Geschichten sicher schon alle nicht mehr hören, oder? Die haben die ja schon 1100 Mal gehört!" Dann lachen die Alten bitter. Und ganz oft höre ich: "Meine Enkel haben noch nie - nicht einmal - nachgefragt, wie das war, zwei eigene Babys zu beerdigen. Meine Nichten und Neffen haben noch nie gefragt, wie ich nach der Flucht in einer neuen Umgebung zurechtgekommen bin. Meine Enkel wollten noch nie wissen, wie ich nach dem Krieg aus dem Nichts mein Leben in den Griff bekommen habe!"

Und dann bin ich erstaunt. Warum fragen wir Jungen so selten die Alten? Warum wollen wir immer Bücher kaufen von modernen Psychologinnen mit Kurzhaarfrisur? Warum wollen wir so gerne mit unseren gleichaltrigen Freundinnen telefonieren, aber fahren nicht zu unsern Alten in der Familie oder der Gemeinde? Warum verachten wir so oft die Erfahrungen, die Weisheit, die Würde, die innere Kraft der Alten, auch der alten Pastoren?

Ganz einfach! Wir gehen der Werbung, der Wirtschaft, dem Jugendkult auf den Leim. Wir hören mehr auf den Fernseher und die Plakatwände an der S-Bahn als auf unsern Gott. Alt ist gut! Alt ist wichtig! Alt ist wertvoll! Wer den Alten nicht zuhört, ist arm, ist kurzatmig und labil, ist flach und modern.

Sicher! Es gibt auch wunderliche Alte, auch zänkische und giftige. Die wollen nichts preisgeben von ihren Erfahrungen, die nöhlen lieber rum und spucken Gift und Galle. Die gibt es sicher auch. Aber die gibt es auch unter den 17jährigen. Die gibt es auch unter den Schulkindern und den Berufstätigen. -

Sicher! Mancher Rat von Alten ist heute nicht umsetzbar. Manches müssen wir anders machen als sie. Aber das ist gar kein Grund, auf Gottes Gebot nicht zu hören, die Erfahrungen der Alten zu verachten, fortzuwerfen und darauf zu pfeifen.

Zeit für Gottes Segen
Und noch eines zum Schluß: Hat das Alter auch etwas Gutes? Man kann seine Erfahrungen weitergeben, wenn man jemanden findet, den das interessiert. Menschen sind bei Gott wertvoll unabhängig vom Alter. Gott macht wertvoll, wer ihm vertraut. - Ist das alles? Was sage ich einem alten Mann, der bettlägerig ist, einer alten Frau, die nicht mehr die Kaffeetasse hochkriegt, die schon morgens um acht Uhr müde und erschöpft ist? Was sage ich denn da? - Ich habe mal eine Frau besucht, die war als Rentnerin fit, aktiv und reiselustig. Dann starb ihr Mann, dann starb ein Sohn, dann mußte sie die Wohnung aufgeben, dann kam sie in ein Altenheim, dann kam sie in den Rollstuhl, dann kam sie nicht mehr aus dem Bett, dann nahm sie zehn Kilo ab, dann konnte sie nicht mehr lesen und fernsehen, dann kam sie kaum noch jemand besuchen, dann wurden ihr zwei Zehen amputiert, weil die entzündet waren.

Und dann kam ich als Pastor zu Tür rein: Was sollte ich sagen?: "Früher war´s ja so schön! Erinnern sie sich mal!" oder "Bald sind sie tot. Im Himmel ist alles besser!" oder "Jesus hat sie lieb und ist bei ihnen!"? Ich bin reingegangen und habe gesagt: "Gute Frau, ich weiß auch nicht mehr, was ich sagen soll! Tut mir leid."

Und da richtet sich diese Bündel Elend auf und sagt: "Hören sie mir mal zu. Ich werde ihnen sagen, wozu ich so alt und schwach bin." Ich war ganz baff. Und dann erklärt mir die alte Frau, warum sie Gott von Herzen dankbar ist, so alt und gebrechlich und schwach zu sein: "Ich war immer fit und aktiv.", so  fing sie an: "Und dann hat Gott mir nach und nach eines nach dem anderen fortgenommen. Mein Mann ist schon bei ihm, mein Sohn auch. Und mein Leben wird auch immer kleiner: Ich bewege mich nur noch auf  2 qm. Früher bin ich Tausende Kilometer gereist. Ich esse wie ein Vögelchen. Ich rede fünf Sätze am Tag. Gott hat mir nach und nach alles genommen."

Das fand ich irgendwie traurig. Und als sie eine Pause machte, habe ich gefragt: "Und was bleibt ihnen nun?"

Da blitzten ihre Augen: "Jesus! Ich habe Jesus!" Das leuchtete mir jetzt nicht sofort ein: "Aber den hatten sie früher doch auch. Sie waren doch früher auch im Gottesdienst und gehören von Kindesbeinen an zur Kirche."

- Die alte Frau lächelte und erklärte mir das: "Sie haben recht. Aber früher hatte ich kleine Kinder und immer so viel zu tun und mußte hierhin und dahin und dies und das war zu tun, Kuchenbacken, Tannenbaumschmücken, Geschenke einpacken, Saugen, Telefonieren, Müll runterbringen. Es war immer irgendwas. So viele Wörter, so viele Sätze, so viele Gedanken . . . Ich hatte Jesus - immer- mein ganzes Leben. Aber jetzt habe ich nur noch Jesus. Jetzt habe ich Zeit. Ich liege hier und denke und bete und erinnere mich an Predigten, die ich früher gehört habe und die Bibelverse, die ich kenne und denke über meine Sonntagsschule und meine Einsegnung nach und wie das wird im Himmel und wie Gott mich durch mein Leben geführt hat. Und ich singe in meinem Herzen die alten Lieder."

Da konnte ich nichts mehr sagen: "Ach junger Mann, ich bin so froh alt zu sein. Ich bin richtig froh! Mich interessiert kein junger Mann mehr, kein Fernseher, kein Essen, keine Zeitung. Ich bin so alt. Und jetzt will ich sterben. Und Jesus ist bei mir. Was anderes interessiert mich nicht mehr. Ich habe jetzt endlich Zeit und Ruhe und Stille, um ihm zuzuhören. Gott hat mir alles genommen, damit eines finde: Da ewige Leben mit meinem Heiland."

Da konnte ich dann nichts mehr sagen. Die Frau hatte etwas entdeckt. Die Stille, die Langeweile, die Passivität im Alter können eine Chance sein, im Frieden mit Gott zu gehen, Gott neu zu entdecken, Abschied zu nehmen und sich auf das ewige Leben vorzubereiten.

Seit diesem Gespräch will ich alt werden - Rentner, ohne Telefon, ohne Fernseher, ohne Action. Im Sessel dämmern, Choräle zusammenklauben, beten und sich aus der Bibel vorlesen lassen.

Gott schenke uns allen ein solches Alter - kein Kampf gegen die Müdigkeit, gegen die Stille, gegen den Verlust, sondern die Gnade, das als Chance zu ergreifen.

Zwei Wochen nach unserm Gespräch war die Frau gestorben - selig, im Frieden, getröstet und gläubig. - Alt sein ist oft schwer, ist bitter, elend und würdelos.

Aber mit Jesus kann es eine große Gnade sein - für die anderen und für mich selbst. Alt sein kann ein riesiges Geschenk Gottes sein: still werden, hören, langsam gehen und im Himmel ankommen. Gott schenke allen Alten und auch uns - ein so geistliches Ende, einen so fröhlichen Neuanfang des ewigen Lebens.