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Stupsi
Das war nun wirklich sehr
traurig! Christian - Kind einer Vorsteherin unserer Gemeinde, Christenlehrekind, 8 Jahre alt - hatte mittags auf dem Anrufbeantworter des Pfarramtes eine Nachricht hinterlassen. Mit zitternder Stimme hatte er tapfer
aufs Band gesprochen: "Pastor? . . . Pastor? Mein Kaninchen ist gestorben! . . . Hier ist Christian. Du mußt das . . . Stupsi ist jetzt tot! Ruf mich bitte mal bitte ganz schnell zurück . . . Ja . . .
Tschüß!"
Erst hatte ich nicht verstanden, wie schlimm das für ihn war. Er war aus der Schule nach Hause gekommen und seine Mutter hatte ihm den plötzlichen Tod seines Lieblingstiers, fast ein
Familienmitglied, schonend beigebracht. - Er weinte natürlich erst einmal bitterlich. Und dann kam seine zweite Reaktion: "Wir müssen meine Patentante anrufen! Die hat mir doch Stupsi geschenkt. Und auch den
Pastor. Der muß eine Predigt machen." Er dachte weiter nach und meinte dann: "Mein Stupsi ist jetzt im Himmel bei der Sophie, meiner gestorbenen Schwester. Die wohnt da im Himmel in einer Wohnung bei
Jesus und versorgt meinen Stupsi, damit er keinen Hunger und keinen Durst hat, bis ich auch komme. " Sprach´s, griff zum Hörer und informierte seinen zuständigen Pfarrer.
Das war nicht nur ziemlich
rührend, sondern äußerst klug von einem 8-Jährigen: Den Pfarrer anrufen! Sehr pfiffig! Aber was sollte ich nun tun? Eine Auferstehung der Kaninchen - so wie Christian sich das vorstellte - das gibt es doch nicht
wirklich, oder? Kriegen Kaninchen im Himmel Flügel? Das ist doch irdisch gedacht. Und die Lesungen der Agende bei Beerdigungen . . . das paßt doch nicht für ein totes Zwergkaninchen. Man kann doch keine
christliche Beerdigung für ein Kaninchen machen, oder? Man kann doch ein Tier nicht wie einen Menschen behandeln!
Aber was ist mit der leidenden Schöpfung, die ängstlich seufzt und auf das Offenbarwerden
der Kinder Gottes wartet und darauf harrt (Römerbrief, Kapitel 8, Vers 19). Gilt das nicht auch für Zwergkaninchen? Und was ist mit der Stelle beim Propheten Jesaja im 6. Kapitel, wo er das himmlische
Friedensreich des Messias Jesus Christus beschreibt: "Da werden die Wölfe bei den Lämmern liegen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh
miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, daß ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder." Ist das nur bildlich gemeint? Liegen im Himmel die
Zwergkaninchen bei den Tigerpythons? Fragen über Fragen. Dabei war nur ein Zwergkaninchen gestorben. Was sollte ich tun? Die theologische Kommission anrufen? Das würde Jahre dauern und mindestens drei
Kirchensynoden beschäftigen. Oder sollte ich mich für nicht zuständig erklären? - Da kam mir die rettende Idee! Richtig muß man nur fragen: "Wie kann ich einen kleinen Jungen trösten, dessen
Zwergkaninchen gestorben ist?"
Und so haben wir es dann gemacht: Am Freitagnachmittag, als alle Kinder zusammen waren, sind wir in die Kirche gegangen. Fünfzehn Kinder und passenderweise ein Hund saßen
still und bedrückt in den ersten Reihen um Christian herum. Wir haben ein Lied gesungen: "Meinem Gott gehört die Welt, meinem Gott das Himmelszelt. Ihm gehört der Raum, die Zeit. Sein ist auch die Ewigkeit .
. . . Leb ich Gott, bist du bei mir, sterb ich, bleib ich auch bei dir. Denn im Leben und im Tod bin ich dein, du lieber Gott." Wir haben miteinander für Christian und alle anderen traurigen Kinder gebetet.
Wir haben Gott gedankt, daß er Stupsi so gut geschaffen und so lange treu erhalten hat. Wir haben den 23. Psalm gesprochen: ". . . und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du
bist bei mir." Und dann sind wir in den Garten gegangen und haben das Kaninchen in einem Schuhkartonsarg begraben. Christian weinte noch einmal herzzerreißend, als ich das Grab zuschaufelte.
Und dann
sind wir Kekse essen gegangen. Und seitdem ist es gut.
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